Wie Erblindung das Leben verändert

Betroffene schildern Schüler der BBS Montabaur ihren Alltag mit einer Sehbehinderung

Ein Gesichtsfeld, das sich immer weiter einschränkt – bis hin zur Blindheit. Das erleben Birgit Killian und Petra Hannappel aufgrund der Erbkrankheit Retinitis Pigmentosa. Bei dieser Krankheit schrumpft das Sehvermögen immer weiter, die Erblindung kommt in Schüben. Seit einem Schub im vergangenen Jahr kann Birgit Killian nicht mehr lesen, hell und dunkel kann sie allerdings noch unterscheiden. Petra Hannappel kann noch lesen, ihr Gesichtsfeld ist von 180 Grad, wie es normal Sehende haben, auf ungefähr fünf Grad geschrumpft. Deshalb hat sie Ende 2015 auch aufhören müssen zu arbeiten. „Ich war Altenpflegerin“, erzählt sie. „Es ist sehr schade, dass ich den Beruf nicht mehr ausüben kann, aber auch verständlich.“ Man kann die Wehmut in ihrer Stimme erkennen, als sie den Schülern der BBS in Montabaur ihre Geschichte erzählt. Trotz der schweren Erlebnisse und der Herausforderung, auf einmal immer weniger zu sehen, erklären die beiden Frauen mit viel Geduld und Offenheit ihre Situationen, um für das Thema Blindheit und den Umgang mit Betroffenen im Alltag zu sensibilisieren.

Die beiden Frauen sind im Vorstand des Blinden- und Sehbehindertenvereins Westerwald-Rhein-Lahn tätig und besuchen in dieser Woche die Schüler in Montabaur. Mit dabei sind Killians zwei Blindenhunde Conny und Sarah, die ihr im Alltag zur Seite stehen. Die beiden Golden Retriever liegen brav zu den Füßen der zwei Frauen, die den Schülern erklären, wie sie ihren Alltag bewältigen, vor welchen Hürden sie täglich stehen und welche Hilfsmittel es für sie gibt.

Die Tiere haben es den Schülern besonders angetan. Birgit Killian erklärt, dass eine Blindenhundeausbildung etwa 20 000 Euro kostet, welche Kommandos die Hunde verstehen und wie sie sie ausgesucht hat. Doch die Hunde sind nicht die einzigen Hilfen, die die Schüler begutachten können. Die Taschen der beiden Frauen füllen auch Spielkarten in Blindenschrift sowie ein Würfel zum Tasten. Auch eine Brille, die das verbliebene Sehvermögen Hannappels simuliert, haben sie mitgebracht. Sie erzählen Anekdoten aus ihrer Zeit, als sie sich an das schrumpfende Sehvermögen gewöhnen mussten, und erklären, wie man im Alltag helfen kann. Besonders wichtig sei es, dass Außenstehende immer zuerst fragen, ob sie helfen können, und sie nicht einfach die sehbehinderte Person über die Straße ziehen, obwohl sie die Straße vielleicht überhaupt nicht überqueren wolle. „Wir möchten ja auch ein selbstbestimmtes Leben führen“, sagt Killian. „Aber wenn jemand Hilfe anbietet, freuen sich die meisten schon.“

Im Voraus hatten die Schüler bereits im Unterricht Regeln im Umgang mit Sehbehinderten erarbeitet und das Blindsein einmal selbst simuliert. Auch einige Fragen hatten sie den beiden Frauen geschickt, die von der Geschichte des Erblindens bis hin zur Alltagsbewältigung reichten. Die Schüler und Lehrerinnen durften sich über viel Offenheit, Herzlichkeit und Ehrlichkeit seitens der Gäste beim Beantworten der Fragen freuen.

Für die Zukunft wünscht sich Birgit Killian, dass die Stadt Montabaur und der Straßenverkehr barrierefrei werden. Zwar gibt es seit Kurzem ein Leitsystem und blindengerechte, sogenannte taktile Ampeln, doch gibt es immer noch Kreuzungen und Kreisel, die sogar für Sehende sehr schwer zu überqueren seien, und für Blinde eine besondere Herausforderung darstellen. Mehr Zebrastreifen und andere Hilfen wären besonders hier wünschenswert und notwendig, um die Sicherheit, auch von sehbehinderten Personen, im Straßenverkehr zu gewährleisten. Als Dankeschön für die Offenheit und Geduld gab es von den Schülern außerdem ein kleines Geschenk, und auch die Hunde wurden mit einer großen Portion Leckerchen aus dem Klassenraum entlassen.

Westerwälder Zeitung vom Freitag, 30. Juni 2017, Seite 19

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