Volles Haus beim Abend über Flucht und ihre Ursachen

Seitdem die Debatte über den richtigen Umgang mit Flüchtlingen im Sommer 2015 ihren Höhepunkt erreicht hat, verschwindet das Thema nicht mehr aus der öffentlichen Diskussion. Die Westerwälder SPD hakte hier nach. Doch primär ging es nicht darum, wie eine gute Integration gelingen kann oder wie man mit Flüchtlingen umgeht, die Straftaten begehen, wie sie in der Kölner Silvesternacht geschahen. Im Blickpunkt standen in Montabaur die Gründe, die Flüchtlinge überhaupt zu ihrer Reise bewegen – und die häufig außer Acht gelassen werden.

 

Nur ein Bruchteil der Flüchtlinge hat Europa zum Ziel

Um die übliche Perspektive zu erweitern und die Fluchtursachen stärker in der öffentlichen Debatte präsent zu machen, hatte die Westerwälder SPD-Bundestagsabgeordnete Gabi Weber, die Mitglied des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist, mit ihrem Ausschusskollegen Stefan Rebmann zu einer Informations- und Diskussionsveranstaltung unter dem Motto „Warum Menschen fliehen – ein Abend über Flucht und ihre Ursachen“ in die Berufsbildende Schule (BBS) Montabaur eingeladen. Dazu waren viele Interessierte gekommen.

Nach der Eröffnung der Veranstaltung durch Gabi Weber begrüßte Schulleiterin Sabine Nugel die Gäste und machte darauf aufmerksam, dass das Thema des Abends sehr gut zur BBS als Schule mit großer Nationalitätenvielfalt passe. Anschließend begann Stefan Rebmann mit seinem Impulsvortrag zu Fluchtursachen.

Derzeit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr als 38 Millionen sind Binnenflüchtlinge, das heißt, sie bleiben in ihrer Herkunftsregion. Aufgrund von Verfolgung und Krieg hat sich die Zahl der Flüchtlinge in den vergangenen fünf Jahren versechsfacht. Weitere Fluchtgründe sind: Perspektivlosigkeit, globale Ungleichheit, Armut, Umwelt und Klimawandel, Krankheiten wie Ebola, geschlechtsspezifische Ungleichheiten und andere. Des Weiteren machte er deutlich, dass Entwicklungspolitik – die nichts anderes als Fluchtursachenbekämpfung sei – viel mehr tun könne und müsse, als nur etwa „Frieden schaffen“. Beispielsweise wurde für 11,6 Millionen Menschen im Libanon, in Jordanien, den palästinensischen Gebieten und im Nordirak die Trink- und Abwasserversorgung verbessert.

Svenja Gertheiss vom Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK), Gastrednerin der Veranstaltung, lenkte den Blick anschließend auf allgemeine Hintergründe von Flucht. Die Hauptaufnahmeländer liegen im globalen Süden (mehr als 70 Prozent), ebenso wie die Ursprungsländer. Menschen flüchten primär in Nachbarstaaten oder in Regionen nahe ihres Siedlungsgebietes. Gründe dafür sind die Hoffnung auf eine Rückkehr oder die fehlende Möglichkeit zur Weiterflucht. Nur ein Bruchteil macht sich auf den Weg nach Europa. Insgesamt hob sie bei der Betrachtung der vielen verschiedenen Aufnahmeländer hervor: „Flüchtlinge reisen nicht in das Land mit dem größten Wohlstand.“ Eine Flucht von Afghanistan nach Europa beispielsweise kostet etwa 11 000 Euro. Oft lege die ganze Familie oder der ganze Ort zusammen, damit ein junger Mann reisen kann. Einher geht die Hoffnung auf eine bessere Chance sowohl für ihn als auch für die zurückbleibende Gemeinschaft.

 

Zuhörer fragten nach Konzept der Regierung

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurde eine Vielzahl der Themen rund um Flüchtlingspolitik behandelt. Neben etwa den Kriterien für sichere Herkunftsländer und der konkreten Umsetzung entwicklungspolitischer Konzepte wollten einige Gäste wissen, ob man in der Regierung überhaupt ein schlüssiges Gesamtkonzept habe und ob man sich eigentlich der eigenen Fehler in der Vergangenheit bewusst sei, die nach Meinung eines Gastes wesentlich zu verstärkten Fluchtbewegungen beigetragen hätten.

Gabi Weber zeigte sich nach der Veranstaltung hocherfreut über das große Interesse und die vorurteilsfreie Haltung des Publikums. „Wir wollten mit der Veranstaltung mehr Bewusstsein für die Gründe schaffen, die Menschen zur Flucht bewegen, und ich denke, das haben wir geschafft. Es war wirklich schön zu sehen, wie viele Menschen Interesse an dem Thema gezeigt haben und wie nüchtern und sachlich sie im Gespräch mit uns waren. Das beweist, dass die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in der Flüchtlingspolitik verlässliche Lösungsvorschläge und keine einfachen Hetzparolen will“, erklärte die Abgeordnete nach der Veranstaltung.

Westerwälder Zeitung vom Donnerstag, 21. Januar 2016, Seite 13

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