Besuch des Landeskrankenhauses Andernach

Zwangsjacke, Gummizelle, Fixierung am Bett... Begriffe wie diese assoziieren noch heute die meisten Menschen, wenn sie an eine Psychiatrie denken. Vorurteile gegenüber psychiatrischen Einrichtungen sind also keine Seltenheit, doch sind einige von ihnen gar berechtigt und lassen sich bestätigen oder sollten wir dafür sorgen, diese aufzulösen? Ein Erfahrungsbericht

Von Jasmin Meudt und Kenneth Schäfer.

Wenn man sich noch nie mit dem doch recht komplexen Thema „Psychiatrie“ auseinandergesetzt hat, ist es lediglich eine logische Konsequenz, ein falsches Bild von heutigen Einrichtungen zu haben. Horrorfilme, Geschichten aus alter Zeit und nicht zuletzt die daraus folgende Mundpropaganda haben zu einer gesellschaftlichen Konditionierung geführt. Auch wir, der Psychologie-Leistungskurs, wussten vor unserem Besuch im Landeskrankenhaus Andernach nicht gänzlich, worauf wir uns einlassen. Bedenken bezüglich der eigenen Sicherheit konnten jedoch schnell genommen werden, als wir mit der nötigen Objektivität die Erfahrungsberichte unserer Lehrerin entgegennahmen.

Donnerstag, 8:00 am Landeskrankenhaus in Andernach. Nach einem ersten Blick über das wegen seiner Größe imponierende Gelände führt uns Herr Michels in einen extra für uns reservierten Seminarraum und referiert über das Krankenhaus. Spätestens nach der anschließenden Fragerunde konnten letzte Zweifel beseitigt werden: Zwangsjacke, Gummizelle und Zwangsmedikamentation haben in modernen Psychiatrien nichts mehr verloren. Die Fixierung wird lediglich in extremen Ausnahmefällen eingesetzt - zum Wohl des fixierten sowie zum Wohl der anderen.

Raus aus dem Seminarraum, herüber zur Suchtstation. Die Sicherheitsvorkehrungen außen sowie innen... faszinierend, was hier alles überlegt wurde. In der Gruppe äußern sich wieder vereinzelt Bedenken. Wenn wir die Station nun betreten, könnten sich die Patienten vorkommen wie im Zoo. Sie könnten über unseren Besuch verärgert sein. Wie sollte man in solchen Fällen reagieren? Wie mit ihnen umgehen? Die Antwort ist recht einfach: So ziemlich wie mit jedem anderen Menschen auch. Schnell wurde klar, dass die Bedenken ein weiteres Mal umsonst waren. Sogar wurde uns von einer Patientin ihr Zimmer zur Besichtigung zur Verfügung gestellt. Das noch beklemmende Gefühl vom Betreten der Station löste sich auf, wir redeten lockerer, trauten uns auch, Fragen an die besagte Patientin zu stellen.

Weiter ging es zur Station der geistig Behinderten. Was sofort auffällt: Diese Menschen haben ein großartiges Verständnis von Emotionen. Manch ein anderer könnte sich von deren Empathiefähigkeit eine Scheibe abschneiden. Wir „platzten“ in die Vorbereitungen für die anstehende Weihnachtsfeier und trotzdem ließen sich wirklich alle Zeit für uns. Speziell Simone, auch sie nahm uns mit in ihr Zimmer. Wünschte uns noch eine schöne Zeit. Das dauerhafte Lächeln und Lachen steckte an. Kaum habe ich in den letzten Wochen einen freundlicheren Menschen getroffen.

Auch in der Gerontopsychiatrie spielten Emotionen eine Rolle. Diese Station erscheint in bunten, hellen Farben, alles saniert und erneuert. Der Aufenthalt für alte Menschen wird hier so angenehm wie möglich gestaltet. Zu „schwierig“ für das Altersheim, verbringen sie nun ihre Zeit genau dort. Obwohl es den Menschen dort, ihrer Situation entsprechend, gut geht, konnte ich persönlich ein gewisses Mitleidsgefühl nicht unterdrücken. Vermutlich waren es die wahrgenommenen Kontraste: Vorher noch mit sehr jungen Menschen auf der Suchtstation geredet, nun mit sehr alten Menschen, deren Lebenszeit immer begrenzter wird. Und begrenzt ist vermutlich auch das richtige Stichwort: Begrenzt in ihrer Freiheit fühlen sich die meisten Patienten in einer Psychiatrie. Dieses Gefühl bleibt nicht aus, selbst wenn von Methoden von vor 100 Jahren komplett abgesehen wird.

Die Sichtweise auf die Einrichtung „Psychiatrie“ hat sich zumindest in unserer Gruppe geändert. Auch die Frage, welches Maß an Sensibilität und Zurückhaltung bei der Kommunikation mit Menschen mit psychischer Störung nötig ist, hat sich durch den Besuch in Andernach klären können.

Gummizelle und Co.? Von gestern. Versuch, den Menschen soviel Freiheit wie möglich zu geben? Den Menschen den Aufenthalt so angenehm wie möglich gestalten? Das ist moderne Psychiatrie.

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